Mikroklima im Garten: Warum schon wenige Meter einen großen Unterschied machen
Im vorherigen Teil haben wir eine der wichtigsten Regeln für einen klimarobusten Garten kennengelernt:
Die richtige Pflanze für den richtigen Standort.
Doch bevor wir die passende Pflanze auswählen können, müssen wir den Standort überhaupt erst kennenlernen.
Viele von uns betrachten ihren Garten als klimatische Einheit: Ist er sonnig, dann ist er eben sonnig. Ist er trocken, dann ist er trocken. Ist das Grundstück windig, gilt das scheinbar für den gesamten Garten.
Die Realität ist wesentlich vielfältiger.
Schon innerhalb weniger Meter können ganz unterschiedliche Bedingungen für Pflanzen entstehen.
An einer Stelle herrschen intensive Sonne und schnelle Austrocknung. Auf der anderen Seite des Hauses bleibt es kühler, schattiger und feuchter. Neben einer Mauer kann ein windgeschützter Bereich entstehen, während am Ende des Grundstücks kräftige Luftbewegung Pflanzen und Boden austrocknet.
Diese kleinräumigen Unterschiede bezeichnen wir als Mikroklima.
Deshalb gilt für die Pflanzenwahl:
Lernen wir nicht nur die Pflanze kennen. Lernen wir auch unseren Garten kennen.
Was ist ein Mikroklima?
Einfach erklärt ist ein Mikroklima das lokale Klima eines begrenzten Bereichs.
Beeinflusst wird es beispielsweise durch Sonneneinstrahlung und Schatten, Gebäude und Mauern, befestigte Flächen, Boden und Geländeform, Wind, vorhandene Vegetation und Wasser.
Deshalb können zwei Pflanzen, die nur wenige Meter voneinander entfernt stehen, bereits unterschiedliche Licht-, Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen erleben.
Ein Garten ist also nicht zwangsläufig ein einziger Standort.
Er besteht häufig aus mehreren kleinen Standorten mit unterschiedlichen Bedingungen.
Vier Hausseiten – vier unterschiedliche Standorte
Das eigene Haus ist eines der einfachsten Beispiele dafür, wie Mikroklimata entstehen.
Südseite: Sie bekommt in der Regel besonders viel direkte Sonne. Im Sommer erwärmen sich Hauswand und gegebenenfalls angrenzende Pflasterflächen und geben Wärme an ihre Umgebung ab. Pflanzen müssen dort nicht nur Sonne, sondern auch zusätzliche Hitzebelastung und eine schnellere Austrocknung bewältigen.
Nordseite: Hier fällt meist weniger direktes Sonnenlicht ein. Die Umgebung kann kühler bleiben und der Boden langsamer austrocknen. Eine Pflanze, die an der Südwand unter Hitze leidet, kann sich hier wesentlich wohler fühlen.
Ostseite: Sie erhält vor allem Morgensonne. Für viele Pflanzen kann das günstig sein, weil sie Licht bekommen, ohne zwingend während der heißesten Stunden der stärksten Sonneneinstrahlung ausgesetzt zu sein.
Westseite: Hier trifft die Sonne vor allem nachmittags und am frühen Abend auf die Pflanzen. Während einer sommerlichen Hitzeperiode kann das eine erhebliche Belastung darstellen, weil sich die Umgebung zu diesem Zeitpunkt bereits stark erwärmt hat.
Allein daran sehen wir:
Die vier Seiten desselben Hauses können vier völlig unterschiedliche Situationen für die Pflanzenwahl darstellen.
Mauern spenden nicht nur Schatten – sie speichern auch Wärme
Gebäude verändern das Mikroklima eines Gartens erheblich.
Eine von der Sonne aufgeheizte Wand speichert Wärme und gibt sie später wieder an ihre Umgebung ab. Direkt davor können Pflanzen deshalb noch einer erhöhten Wärmebelastung ausgesetzt sein, wenn die Lufttemperatur bereits sinkt.
Gleichzeitig kann dieselbe Wand vor Wind schützen.
So entsteht beispielsweise ein Standort, der
wärmer + windgeschützter
ist als seine Umgebung.
Das zeigt sehr schön, warum ein Mikroklima selten mit nur einem Begriff wie „sonnig“ oder „geschützt“ beschrieben werden kann.
Pflaster und Rasen schaffen unterschiedliche Bedingungen
Stellen wir zwei identische Pflanzen an zwei sonnige Standorte.
Die eine wächst am Rand einer größeren Rasenfläche. Die andere direkt neben einer gepflasterten Einfahrt.
Beide erhalten vielleicht dieselbe Anzahl Sonnenstunden – trotzdem ist ihre tatsächliche Hitzebelastung nicht unbedingt gleich.
Befestigte Flächen können sich stark erwärmen und Wärme an ihre Umgebung abgeben. Gleichzeitig beeinflussen sie, wie und wo Niederschlagswasser in den Boden gelangt.
Das ist besonders relevant für Hecken entlang von Straßen und Einfahrten, Pflanzen an Gehwegen, Terrassen und schmalen Pflanzstreifen zwischen Gebäuden.
Die Angabe „sonniger Standort“ allein erzählt also noch nicht die ganze Geschichte.
Schatten ist nicht gleich Schatten
Auch bei schattigen Standorten gibt es erhebliche Unterschiede.
Der dauerhafte Schatten eines Gebäudes schafft andere Bedingungen als der gefilterte Schatten unter einem Laubbaum.
Unter einem Baum kommt noch ein weiterer Faktor hinzu:
Der Baum konkurriert mit den Pflanzen in seiner Umgebung um Wasser.
Vor allem große, etablierte Bäume können mit ihrem Wurzelsystem erhebliche Bodenbereiche erschließen.
Ein schattiger Platz unter einem Baum kann deshalb überraschend trocken sein.
Schatten bedeutet also nicht automatisch Feuchtigkeit.
Auch der Wind hat seine Wege durch den Garten
Wind bewegt sich nicht gleichmäßig über ein Grundstück.
Gebäude, Mauern, Zäune und Pflanzen können Luftströmungen umlenken, bremsen oder an bestimmten Stellen sogar verstärken.
Zwischen zwei Gebäuden kann beispielsweise eine Art Windkanal entstehen, während wenige Meter entfernt fast Windstille herrscht.
Für Pflanzen ist das wichtig, denn Wind kann die Verdunstung erhöhen, die Austrocknung des Bodens beschleunigen und Triebe mechanisch belasten.
Ein windiger Standort kann deshalb gleichzeitig ein trockenerer Standort sein.
Interner Link: Hier passt später sehr gut euer Ratgeber „Windschutzhecken – welche Hecke eignet sich für windige Standorte?“
Eine Hecke kann selbst das Mikroklima verändern
Für Heckenmarkt ist dieser Punkt besonders interessant.
Eine gut geplante Hecke trennt einen Garten nicht nur optisch von seiner Umgebung.
Sie kann auch die Bedingungen innerhalb des Gartens beeinflussen: Luftbewegung reduzieren, Schatten erzeugen und dadurch die lokalen Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse mitprägen.
Mit anderen Worten:
Eine Hecke ist dem Mikroklima nicht nur ausgesetzt – sie kann es selbst mitgestalten.
Damit kann eine geeignete Hecke in einem klimarobusten Garten eine wesentlich größere Funktion übernehmen als ausschließlich den Sichtschutz.
Schon kleine Höhenunterschiede können eine Rolle spielen
Auch ein Garten, der auf den ersten Blick eben erscheint, kann kleinere Senken und höher gelegene Bereiche besitzen.
Bei Starkregen kann Wasser in tiefer liegende Bereiche fließen und dort länger im Boden verbleiben.
Ein etwas höher gelegener, gut drainierter Bereich kann dagegen wesentlich schneller austrocknen.
So können innerhalb eines einzigen Gartens gleichzeitig sehr trockene und zeitweise sehr feuchte Standorte vorkommen.
Was ist eine Frostsenke?
Auch kalte Luft kann sich innerhalb eines Gartens unterschiedlich verteilen.
Sie kann in tiefer gelegene Bereiche absinken und sich dort sammeln. Solche Stellen bezeichnet man als Frostsenken.
Besonders im Frühjahr kann das relevant sein.
Es ist durchaus möglich, dass junge Triebe einer Pflanze Frostschäden erleiden, während eine nur wenige Meter entfernt stehende Pflanze kaum betroffen ist.
Das zeigt erneut:
Der Durchschnittswert für einen Garten sagt nicht unbedingt aus, welchen Bedingungen eine einzelne Pflanze tatsächlich ausgesetzt ist.
Der Garten verändert sein eigenes Mikroklima
Ein frisch angelegter Garten wird nicht für immer dieselben Bedingungen haben.
Mit zunehmendem Wachstum beginnen die Pflanzen selbst, ihre Umgebung zu verändern.
Bäume und Sträucher erzeugen Schatten. Hecken bremsen Wind. Pflanzen verdunsten Wasser und beschatten den Boden.
Deshalb kann ein zehn Jahre alter Garten ein deutlich anderes Mikroklima besitzen als derselbe Garten unmittelbar nach der Pflanzung.
Bei Hecken ist das besonders wichtig.
Ein Bereich, der beim Pflanzen noch vollständig in der Sonne liegt, kann mit zunehmender Größe und Dichte der Hecke teilweise beschattet werden.
Bei der Pflanzenwahl sollten wir deshalb nicht nur den Garten von heute betrachten – sondern auch seine zukünftige Entwicklung.
Wie kann ich das Mikroklima meines Gartens erkennen?
Dafür braucht man nicht unbedingt Messgeräte.
Eine der besten Methoden ist erstaunlich einfach:
Beobachten Sie Ihren Garten.
Gehen Sie an einem heißen Sommertag morgens, mittags und am späten Nachmittag durch den Garten und achten Sie darauf, wo die Sonne steht, wo Schatten entsteht, welche Bereiche sich besonders heiß anfühlen, wo Wind auftritt und wo der Boden zuerst austrocknet.
Nach kräftigem Regen beobachten Sie erneut: Wo bleibt Wasser stehen? Wo versickert es schnell? Welche Bereiche bleiben lange feucht?
Und im Frühjahr lohnt sich der Blick darauf, wo sich häufiger Reif bildet, welche Pflanzen besonders früh austreiben und wo Spätfrostschäden auftreten.
Aus diesen einfachen Beobachtungen lässt sich bereits ein erstaunlich gutes Bild des Mikroklimas im eigenen Garten gewinnen.
Erstellen Sie eine einfache Mikroklima-Karte
Dafür benötigen Sie keinen professionellen Gartenplan.
Eine einfache Skizze des Grundstücks genügt.
Markieren Sie beispielsweise:
☀️ H – heiß und sonnig
🌳 S – schattig
💨 W – windig
💧 F – zeitweise feucht
🏜️ T – schnell austrocknend
❄️ FS – Frostsenke
Besonders interessant werden Bereiche, bei denen mehrere Merkmale zusammentreffen.
Zum Beispiel:
H + W + T = heiß + windig + schnell austrocknend
Das ist bereits eine sehr konkrete Information für die Pflanzenwahl.
Oder:
S + F = schattig + eher feucht
Hier wird vermutlich eine ganz andere Pflanze gut funktionieren.
Mikroklima ist kein Problem – sondern eine Chance
Ein schattiger Gartenbereich ist nicht „schlecht“.
Ein trockener Bereich ist ebenfalls nicht automatisch schlecht.
Und auch ein feuchterer Standort ist nicht grundsätzlich problematisch.
Er ist einfach anders.
Wenn wir diese Unterschiede kennen, müssen wir nicht ständig gegen die natürlichen Bedingungen unseres Gartens arbeiten.
Stattdessen können wir Pflanzen auswählen, deren Bedürfnisse genau zu diesen Bedingungen passen.
Das ist der eigentliche Sinn des Prinzips:
Die richtige Pflanze für den richtigen Standort.
Nicht den ganzen Garten für eine einzige Pflanze verändern
Natürlich können und dürfen wir Standortbedingungen verbessern.
Wir können den Boden aufbereiten, eine Bewässerung installieren, den Boden abdecken, Wind reduzieren oder die Drainage verbessern.
Trotzdem sollten wir uns fragen:
Wie viel dauerhafte Unterstützung braucht diese Pflanze, damit sie an diesem Standort gut wachsen kann?
Wenn eine Pflanze nur mit erheblichem und ständigem Aufwand funktioniert, ist möglicherweise eine andere Art für diesen Standort die bessere Wahl.
Ein Ziel des klimarobusten Gartens ist schließlich, Pflanze und Standort möglichst gut zusammenzubringen.
Die Pflanzenwahl der Zukunft beginnt beim Garten
Bei Heckenmarkt möchten wir deshalb langfristig nicht einfach eine Liste mit Pflanzen anbieten.
Wir denken an ein Auswahlprinzip, das zuerst nach dem Garten fragt:
Wie sonnig ist der Standort?
Wie ist der Boden?
Wie schnell trocknet er aus?
Kommt es zeitweise zu Staunässe?
Wie windig ist die Fläche?
Wie viel Bewässerung kann langfristig gewährleistet werden?
Welche Funktion soll die Pflanze erfüllen?
Und erst danach folgt die Frage:
Welche Pflanze passt hierher?
Das sagt wesentlich mehr aus als die pauschale Bezeichnung einer Pflanze als „klimarobust“.
Betrachten Sie Ihren Garten einmal mit anderen Augen
Wenn Sie das nächste Mal durch Ihren Garten gehen, schauen Sie nicht nur auf die Pflanzen.
Schauen Sie auf die Standorte.
Wo ist der heißeste Bereich?
Wo trocknet der Boden zuerst aus?
Wo bleibt Feuchtigkeit besonders lange erhalten?
Wo weht der Wind am stärksten?
Wo liegt am Nachmittag Schatten?
Und wo hält sich im Frühjahr der Reif besonders lange?
Aus den Antworten entsteht nach und nach eine Mikroklima-Karte Ihres Gartens.
Und wenn wir diese kennen, verändert sich auch unsere wichtigste Frage.
Wir fragen nicht mehr:
„Welche Pflanze ist die beste?“
Sondern:
„Welche Pflanze ist für diesen Standort die beste Wahl?“
Nur ein paar zusätzliche Wörter – aber dahinter steckt eine völlig andere Art, einen Garten zu planen.
🌿 Den Garten der Zukunft pflanzen wir heute!
Im nächsten, 6. Teil:
Welchen Boden haben Sie? Warum ein klimarobuster Garten unter der Erde beginnt.
